ANALOG:PFAD – Warum emotionale Erlebnisse die wirksamste Prävention sind

Die Krise der digitalen Gesellschaft und die Notwendigkeit neuer Präventionswege
„Wirkliche Veränderung entsteht nicht durch Information, sondern durch Erfahrung. Erst wenn wir Belastung, Überforderung und Empathie wirklich spüren, können wir unser Verhalten nachhaltig verändern.“
Persönliche Erfahrung: Die Kraft der Teilhabe

Ich bin in den „alten Bundesländern“ aufgewachsen – geprägt von Gemeinschaft, von Nähe, von echten Begegnungen. Meine Eltern haben viel gearbeitet, und trotzdem war ich nie allein. Ich war das älteste von vier Kindern, wir waren immer ein Team. Meine Kindheit war voller kleiner Rituale: Chorproben, Leichtathletik, Spielmannszug – Orte, an denen man nicht nur Leistung bringt, sondern vor allem Teil von etwas Größerem ist.
Aber es gibt diesen einen Moment, der sich eingebrannt hat. Ich war neun oder zehn Jahre alt. Unsere Chorleiterin hatte uns zum gemeinsamen Kochen eingeladen. Wir waren aufgeregt, haben herumgealbert, gewartet, gelacht. Dann kam sie – und alles war anders. Sie war aufgelöst, ihre Augen voller Tränen, ihre Stimme zitterte. Wir Kinder, alle zwischen acht und vierzehn, haben sofort gespürt: Hier ist etwas passiert, das größer ist als wir.
Sie erzählte uns vom Krieg in Afghanistan, von ihrem Bruder, der dort als Helfer tätig war. Sie sprach nicht viel, aber ihre Verzweiflung war greifbar. Ich erinnere mich nicht mehr an ihren Namen, aber ich weiß noch, wie sie aussah, wie sie roch, wie ihre Traurigkeit den Raum füllte. Wir haben sie umringt, getröstet, gehalten. Wir haben geweint, gemeinsam gekocht – Spaghetti mit Ketchup, weil wir nichts anderes konnten. Aber es war egal. Das Essen war Nebensache. Wir saßen zusammen, haben geredet, geweint, versucht, für sie da zu sein.
Dieser Tag hat mein Herz geöffnet. Ich habe zum ersten Mal gespürt, was echte Teilhabe bedeutet: Da sein, wenn jemand leidet. Nicht wegschauen, sondern mitfühlen, mittragen. Es war ein Moment voller Liebe, voller Verletzlichkeit, voller Stärke. Bis heute kann ich keinen Ketchup mehr essen – weil dieser Geschmack für mich mit so viel Schmerz und gleichzeitig so viel Verbundenheit verbunden ist.
Was mich bis heute bewegt: Wir Kinder waren nicht nur Zuschauer, sondern Akteure. Wir haben Verantwortung übernommen, getröstet, gehandelt. Und genau das fehlt heute oft. Die digitale Welt trennt uns, macht uns zu Beobachtern statt zu Mitgestaltern. Wir scrollen, liken, kommentieren – aber wir fühlen nicht wirklich mit. Wir erleben Distanz statt Nähe.
Diese Erfahrung hat mein Wertesystem geprägt. Sie hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, für andere da zu sein, sich einzubringen, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Sie hat meinen Willen gestärkt, die Welt ein bisschen besser zu machen – für andere und für mich selbst. Und genau das wollen wir mit ANALOG:PFAD ermöglichen: Räume schaffen, in denen echte Begegnungen möglich sind. In denen Kinder und Jugendliche nicht nur lernen, sondern erleben, was es heißt, Teil von etwas zu sein. In denen sie spüren, wie viel Kraft in Teilhabe, Empathie und echter Gemeinschaft steckt.
Genau diese Tiefe, diese emotionale Beteiligung, ist der Schlüssel. Wir müssen die jungen Menschen berühren, nicht nur informieren. Denn nur, was wir wirklich fühlen, verändert uns nachhaltig. Gleiches gilt übrigens auch für den Rest unserer Gesellschaft.
„Wirkliche Veränderung entsteht nicht durch Information, sondern durch Erfahrung. Erst wenn wir Belastung, Überforderung und Empathie wirklich spüren, können wir unser Verhalten nachhaltig verändern.“
Wir leben in einer Zeit, in der Kinder und Jugendliche täglich mehrere Stunden online sind. Die Auswirkungen sind gravierend: Rückzug, Stress, Einsamkeit und Konflikte nehmen zu, Ausbildungsabbrüche steigen, und die psychische Gesundheit junger Menschen wird von führenden Institutionen wie der Leopoldina Akademie als „globale Krise“ bezeichnet. Trotz jahrzehntelanger Aufklärung über die Risiken von Medienkonsum hat sich die Belastung weiter verschärft. Das Bildungssystem ist überlastet, und klassische Wissensvermittlung greift zu kurz. Was fehlt, sind wirksame, niedrigschwellige und vor allem emotionale Präventionsangebote, die die Lücke zwischen Schule, Elternhaus und psychosozialen Diensten schließen.
ANALOG:PFAD – Ein innovatives Präventionsmodell
Mit ANALOG:PFAD entsteht in Lübeck ein deutschlandweit einzigartiges Modellprojekt, das Prävention, Medienkompetenz und emotionale Bildung durch immersive, analoge Erlebnisse vermittelt. Die Ausstellung umfasst 25 realistisch gestaltete Kulissen, die die Auswirkungen digitaler Medien auf mentale Gesundheit, Stressregulation, Selbstwert, Körperbild, soziales Verhalten und demokratische Teilhabe sichtbar und körperlich erfahrbar machen. Ergänzt wird das Angebot durch pädagogische Workshops, Eltern- und Familienprogramme sowie vertiefende Interventionsprogramme für Jugendliche.
Wissenschaftliche Grundlage: Lernen über die Gefühlsebene
Das Konzept basiert auf zwei international anerkannten Wirkmodellen: Social and Emotional Learning (SEL) und den SAFE-Prinzipien (Sequenziell, Aktiv, Fokus, Explizit). Meta-Analysen belegen, dass interaktive, reflexionsbasierte Lernprogramme wie ANALOG:PFAD die Sozialkompetenz, Selbstwirksamkeit und Bildungsintegration junger Menschen um mehr als 30 % steigern. Die SAFE-Prinzipien sorgen dafür, dass Lernschritte aufeinander aufbauen, aktive Beteiligung statt passiver Wissensaufnahme erfolgt, klare Zielsetzungen verfolgt werden und soziale-emotionale Kompetenzen gezielt vermittelt werden.
Warum die Gefühlsebene entscheidend ist
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Lernen über die Gefühlsebene nachhaltiger und wirksamer ist als rein auditive oder visuelle Vermittlung. Emotionale Erlebnisse aktivieren das Gehirn ganzheitlich, fördern Empathie, Selbstregulation und Konfliktfähigkeit und stärken die Resilienz. Die klassische Einteilung in Lerntypen (visuell, auditiv, haptisch) ist wissenschaftlich überholt – entscheidend ist die Vielfalt der Sinneskanäle und die emotionale Beteiligung. Besonders immersive Formate, die alle Sinne ansprechen und echte Erfahrungen ermöglichen, führen zu tieferem Verständnis und nachhaltiger Verhaltensänderung.
Was hilft wirklich? Auf dem Weg für mehr Nachhaltigkeit
- Ganzheitliche Prävention: ANALOG:PFAD verbindet Ausstellung, Workshops und Elternarbeit zu einem Ökosystem, das alle Generationen erreicht und echte Erfahrungsräume schafft.
- Wissenschaftliche Begleitung: Standardisierte Vor- und Nachbefragungen, Feedbackrunden und Beobachtungsinstrumente sorgen für eine belastbare Evidenzbasis.
- Niedrigschwellige Angebote: Die Ausstellung ist für alle zugänglich, die Programme sind praxisnah und emotional wirksam.
- Stärkung von Resilienz und Medienkompetenz: Kinder und Jugendliche lernen, Stress zu regulieren, Konflikte konstruktiv zu lösen und Verantwortung zu übernehmen – für sich und die Gesellschaft.
Herausforderungen:
- Überlastung der Systeme: Schulen, Jugendhilfe und psychosoziale Dienste sind am Limit. Es braucht neue, emotionale Präventionsstrukturen.
- Gesellschaftliche Sensibilität: Das Thema digitale Medien ist komplex und oft emotional aufgeladen. Transparente Kommunikation und fachliche Qualitätssicherung sind essenziell.
- Nachhaltigkeit und Skalierbarkeit: ANALOG:PFAD ist als Modellprojekt konzipiert, das bundesweit ausgerollt werden kann – dafür braucht es starke Netzwerke und kontinuierliche Evaluation.
Abschließende Gedanken:
ANALOG:PFAD zeigt, dass Prävention und Bildung auf der Gefühlsebene nicht nur möglich, sondern dringend notwendig sind. Nur durch echte Erlebnisse, Teilhabe und emotionale Bildung können wir die Herausforderungen der digitalen Gesellschaft meistern und junge Menschen stärken – für sich selbst und für eine demokratische, resiliente Zukunft.
Quellen und wissenschaftliche Basis:
- Cipriano et al., 2023 /Yale: Meta-Analyse zu SEL-Programmen
- Durlak et al., 2023 /LUC: SAFE-Prinzipien und Wirksamkeit
- COPSY/UKE 2023–2024: Studien zu psychosozialen Belastungen
- DAK 2024: Studie zu riskanter Mediennutzung
- Leopoldina Akademie 2025: Diskussionspapier zur psychischen Gesundheit
- Bundesschülerkonferenz 2025: „Notruf einer überlasteten Generation“
Wir entwickeln, was Technologie nicht ersetzen kann.
ANALOG:WERK entwickelt körper- und erlebnisbasierte Lern- und Präventionsformate, die Achtsamkeit, soziale Stärke und digitale Balance fördern.


